Hallo zusammen,
ich bin Meike Seidel, Gründerin von SonicView. Die Idee zu SoVi ist nicht an einem einzelnen Punkt entstanden, sondern hat sich über Jahre entwickelt. Seit 2015 beschäftigt mich die Frage, wie ein barrierefreier Lebensmitteleinkauf für sehbehinderte und blinde Menschen gelingen kann – und wie digitale Technologien dabei konkret unterstützen können.
Aus dieser anfänglichen Vision ist Schritt für Schritt etwas Größeres gewachsen: der Anspruch, Ernährung, Gesundheit und individuelle Bedürfnisse so zusammenzudenken, dass möglichst viele Menschen selbstbestimmte Entscheidungen treffen können. SoVi ist für mich ein fortlaufender Prozess – geprägt von Lernen, Austausch und dem festen Willen, Barrieren nicht nur zu erkennen, sondern abzubauen.
Ursprünglich ist SoVi das Ergebnis einer Master-Abschlussarbeit – und sollte auch eine theoretische Arbeit bleiben. Auf die Frage „Wie wäre es, ein Projekt daraus zu machen und das Ganze in die Realität umzusetzen?“ antwortete mein Erstprüfer: „Lass es. Du wärst ein Goldfisch im Haifischbecken.“
Nach meinem Master-Abschluss 2015 hatte ich im Grunde von nichts eine Ahnung. Ich wusste wenig über den Alltag blinder Menschen, nichts über den Lebensmittelhandel, nichts über Produktdaten, Accessibility oder IT. Von BWL, Steuern, Gründung oder Unternehmensführung ganz zu schweigen. Ich hatte lediglich ein abgeschlossenes Studium, ein großes Vorstellungsvermögen – und einen ausgeprägten Dickkopf.
Der Anfang: Ein Samen wird gesät
Während meiner Abschlussarbeit im Fachbereich Innenarchitektur, in der ich einen inklusiven Wohnkomplex für unterschiedliche Zielgruppen plante, setzte ich mich intensiv mit verschiedenen Behinderungen auseinander, unter anderem mit Sehbehinderung und Blindheit. In dieser Zeit begegnete ich einer Frau, die mich nachhaltig beeindruckt hat: Sie war blind, arbeitete als Lehrerin an einer Blindenschule, lebte in einem eigens für sie geplanten Haus und ritt ein eigenes Pferd – mit weniger als zwei Prozent Sehkraft. Als sie beiläufig erwähnte, dass sie niemals freiwillig einen Supermarkt betreten würde, wurde mir klar, dass wir kein individuelles, sondern ein strukturelles Problem haben. Der Samen für SoVi war gesät.

Ein Keim treibt aus
Nach dem Bachelor in Innenarchitektur folgte der Master im Bereich Design und Medien. Dort konnte der Keim in Form einer Masterthesis tatsächlich austreiben. Die Analyse zeigte: Bereits die grundlegende Voraussetzung für einen selbstständigen Lebensmitteleinkauf fehlt blinden Menschen – der Zugang zu Informationen. Wir fliegen zum Mond, transplantieren Organe und schießen Autos ins All, sorgen aber nicht dafür, dass alle Menschen selbstständig an grundlegende, im Zweifel überlebenswichtige Informationen gelangen.
Gleichzeitig leben wir in einer Gesellschaft, die immer komplexer wird. Haushalte werden kleiner, Verantwortung individueller, der Alltag schneller. Unser Lebensmittelangebot wächst, unsere Ernährung wird komplizierter – und Essen, das eigentlich verbindet, wird für viele zur Hürde.

Sturm kommt auf
In den Jahren danach habe ich mich Schritt für Schritt weiterentwickelt: Ich bin in die Themen Design Thinking, Human Centered Design, Accessibility und digitale Barrierefreiheit hineingewachsen, habe Vorträge gehalten, Seminare gegeben und mit SoVi immer tiefer Neuland betreten. Es folgte der Zusammenschluss vieler Menschen aus IT, Wirtschaft, Lebensmittelindustrie, Wissenschaft und Praxis. Es gab Unterstützung, ohne die SoVi gescheitert wäre – und ebenso viel Gegenwind: abgelehnte Förderanträge, leere Versprechen, die Aussage, die Zielgruppe blinder Menschen sei zu klein, während „alle Menschen, die essen und trinken“ als lächerlich groß galt.
Aufgeben war dennoch nie eine Option. Zu viele Menschen glaubten an SoVi, zu viel Sinn steckte in jedem noch so kleinen Schritt. Und jeder dieser Schritte hat uns dorthin gebracht, wo wir heute stehen.
SoVi gedeiht – und wächst
Seit Mai 2022 ist die SoVi App im App Store und Play Store verfügbar. Sie wird von vielen sehbehinderten und blinden Menschen im Alltag genutzt – und spricht gleichzeitig weit darüber hinaus. In den letzten Jahren hat sich SoVi weiterentwickelt: von der ursprünglichen Vision eines barrierefreien Lebensmitteleinkaufs hin zu einem wissenschaftlich fundierten Tool, das individuelle Ernährungsbedürfnisse, Gesundheit, Prävention und Zugänglichkeit zusammendenkt.
Essen und Trinken sind für uns alle zentral. Niemand hat Lust auf Kleingedrucktes auf Verpackungen. Wir lieben das gemeinsame Essen, die Geselligkeit und die Verbindung – und sind zugleich höchst individuell in unseren Prämissen, Vorlieben und Einschränkungen. SoVi schafft einen Raum, in dem genau das möglich ist: zusammenzukommen, wie wir sind. Verschieden – und doch verbunden.
